Email an einen Vater

Geschrieben von Biker am 15.09.04, 20:44 Uhr

Lieber xxx,

wir haben uns gerade erst verabschiedet und ich überlegte noch, ob ich mit Dir sprechen solle - aber irgendwie habe ich keine passende Gelegenheit gefunden.

Mich beschäftigt seit langem das Thema Geschlechtsidentität (explizit seit ca. 4 Jahren). Ungefähr mit der Pubertät bekam ich Probleme mit meinem Körper, diese Probleme sind bis jetzt nicht verschwunden. Ich hatte schon relativ früh das Gefühl, nicht richtig zu den Mädchen zu gehören, mich irgendwie zu unterscheiden. Ich wusste aber, dass ich ja ein Mädchen sein müsse - und hoffte, dass niemand merkt, dass etwas nicht ganz stimmt. Mit Sicherheit wäre niemand darauf gekommen! Lange Zeit fühlte ich mich irgendwie schuldig - wegen meines Versteckspiels wie wegen des Versteckten. Ich habe in meiner religiösen Phase (mit 9) viele Bußerunden um unser Haus gedreht - erinnerst Du Dich? Aber ich war ein Kind, die Dinge waren meistens noch nicht so ernst...

Ernst wurde es wie gesagt mit der Pubertät. Habe mich oft vor meinem Körper geekelt + wollte ihn abstreifen, weil er nicht passte - musste mir beweisen, dass ich nicht mit ihm identisch bin usw. Mit 14 oder 15 wollte ich Mönch werden. In dieser Zeit habe ich schon oft in mein Tagebuch geschrieben, dass ich keine Frau sein KANN und will. Erlebnisberichte verfasste ich meistens in der männlichen Form. Meine Zeichnungen stellten oft Androgyne - Harlekine und Vampire oder junge Männer dar. Auch das Bild, das ich im KKH in xxx (Diagnostik) zeichnete, war ein Mann (habe es leider nicht abgegeben). Der Draw-a-Person-Test gibt (erfuhr ich später) Psychologen Aufschluss über die Geschlechtsidentität. Die Magersucht ging, ich hatte nichts dagegen, den Zusammenhang Körper-Geist hatte ich neu überdacht - aber der Ekel kam immer wieder. Ab 14 habe ich betont weibliche Kleidung (mit wenigen Ausnahmen) vermieden, später zog ich am liebsten Männerkleidung an.

Die Beziehung mit xxx war problematisch - nicht nur, weil ich nicht schwul bin. Ich hab Dir mal erzählt, dass es mir irgendwie nicht passe, von aller Welt als seine Freundin angesehen zu werden. Als ich mir schliesslich eingestand, Frauen zu lieben, dachte ich, vielleicht eine Lösung gefunden zu haben. Mir stand ein weit grösseres Spektrum an Rollen offen. Ich trug fast ausschliesslich Herrenkleidung, trainierte meine Muskeln und hoffte, durch die Beschränkung auf Essen, das fast nur Eiweiss enthielt, alle Kurven auszubügeln(es gab insg. 3 solche Phasen). In einem lesbischen Coming-Out-Buch fand ich den Erfahrungsbericht eines Transmannes und dachte, dass es eher das sei - schob aber den beunruhigenden Gedanken weg. Ich verbrachte meine Nachmittage in xxx (am 1. Studienort) meistens in der Bibliothek, hatte kaum Kontakte zu anderen Menschen.

Dann kam ich nach xxx, Gender Studies zu studieren erwies sich als gute Idee, ich lernte mehrere bewundernswerte Frauen kennen. Auch sie waren unglücklich damit, wie Geschlecht im Alltag konstruiert wird. Sie nahmen sich selbst ernst und unterliessen viele der Spielchen, mit denen Frauen sich klein machen.

Ich beschäftigte mich aber dennoch mit der Wirkung von Hormonen, wollte irgendwie meinen Östrogenspiegel durch die Ernährung senken und wollte - notfalls durch Vitaminmangel - bestimmte Prozesse unterbinden, deren Existenz mich seit Jahren unheimlich kränkte. Ich reagierte sehr gereizt, wenn mich andere Männer in einer Weise behandelten, die darauf zu verweisen schien, dass sie mich für eine Frau hielten. Gleichzeitig behielt ich meine Haare - gegen Druck aus der Szene - lang. Aus meinen Aufzeichnungen und Träumen aus der Zeit wird deutlich, dass ich mich nicht als Frau wahrnahm. Ich versuchte aber, mich wenigstens als feministische Lesbe zu sehen. Ich begann, mir Informationen über Trans** zu suchen.

Es war eine widerspruchsvolle Situation, eine Art Kampf. Wieder kamen mir zahlreiche Aspekte aus Erfahrungsberichten bekannt vor - der enorme Hass auf den Körper, der falsch ist, Selbstverletzungen, Essstörungen, der Widerwille, als Frau bezeichnet zu werden, der Wunsch, etwas an der Situation zu ändern usw. (war früher z.B. neidisch auf die anderen Jungen, die gross und viel stärker wurden, lässig waren, eine tiefe Stimme bekamen).

Ich sprach mit einer Bekannten (Transfrau) über das Thema Identität. Sie hat mich seitdem einige Male gefragt, ob es auch mich betreffe. Hab ihr aber meistens nicht sehr bereitwillig geantwortet. Auf einer Diskussionsveranstaltung darüber, wer Frauen-Lesbenveranstaltungen besuchen darf, waren mehrere Transmänner.

Ich hätte sie gerne angesprochen. Sie verteilten einen Infozettel, erzählten von sich und von ihrer SHG. Ich bewahrte den Infozettel lange auf und wäre gern zur Gruppe gekommen, überzeugt, dass ich dorthin gehörte. xxx (meine beste Freundin) sagte mir letztens, in der Zeit (und bis vor kurzem) habe sie immer den Eindruck gehabt, ich wolle etwas verstecken.

Es verging über ein Jahr (weiterhin mit Ekel und fiesen Träumen (-will mit Freunden baden gehen, packe meine Badehose ein.. unterwegs fällt mir ein "da war doch noch was" und ich bin plötzlich unglaublich deprimiert..- (und schlimmere Träume, die sich nicht so gut erzählen lassen))).

Schliesslich wurde mir klar, das es nicht besser wird, so sehr ich es auch versuche. Ich begann, abzubinden. Mir ging es dadurch sofort so viel besser, dass ich es seitdem immer getan habe. Ich liess mir die Haare schneiden - ein Akt von grosser symbolischer Bedeutung, die sich aber (verständlicherweise!) ausser xxx niemandem erschloss. xxx nahm die enorme Veränderung wahr, meinen Zuwachs an Selbstbewusstsein und sprach mich darauf an, dass die neue Frisur in meinem Falle wohl mehr bedeute. Sie bot mir auch - von sich aus- an, mich mit einem männlichen Namen anzusprechen (und tut es nun seit einiger Zeit). Ich durfte einen Transmann, den ich in einem Forum kennenlernte, ausfragen;(...). Er kam auch zur SHG (was es viel einfacher machte). In der Gruppe hat es mir gut gefallen; ich werde weiter hingehen. (..) Ich gehöre dorthin.

Ich werde beim Amtsgericht einen Antrag auf Vornamensänderung stellen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich Anspruch auf PKH habe (andernfalls muss ich warten). Ich würde gern neben den Gutachtern (Kosten werden normalerweise von der Krankenkasse übernommen (Anm. von Trans-Eltern: Kosten für die Vornamens- und Personenstandsänderung werden bei PKH vom Gericht übernommen, nicht von der Krankenkasse), sind oft nicht mehr als je 2 Sitzungen) einen Therapeuten suchen, der mich begleitet (auch wichtig für Kostenübernahmen). Das alles ist wahrscheinlich ziemlich schwer zu verdauen für Dich, und ich kann es verstehen, wenn Du einige Zeit nicht mit mir reden möchtest. Ich kann es aber nicht ändern.

In vieler Hinsicht geht es mir seit einigen Monaten besser als irgenwann seit meinem 13.Lebensjahr. Gleichzeitig habe ich viel zu verlieren - Freundschaften, meinen Job (in einer Fraueneinrichtung) usw. Ich hoffe nur Dich nicht zu verlieren, da ich Dich sehr liebe. xxx (Geschwister) habe ich schon ein bisschen erzählt. Tut mir leid, wahrscheinlich gibt es keinen richtigen Moment, so etwas zu sagen. Es ist aber nicht so schlecht wie es klingt!

Mit herzlichen Grüssen
xxxxxxxxxxxx


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