Coming-Out Biker

Geschrieben von Biker am 24.03.09, 15:58 Uhr

Biker, Baujahr 1976, bisexueller Transmann, ledig

Meine Vergangenheit betrachte ich als Unfall. Dieser Unfall passierte sehr früh, noch bevor ich geboren wurde. Das falsche Spermium hat mich einfach gecrasht, nachdem sie Spermium XY erst gerammt und dann kackendfrech überholt hatte. Es war viel zu schnell und hatte schon bereits im Samenstrang meines Vaters ein Geschwindigkeitsdelikt nach dem anderen begangen. Von wegen Polizei Dein Freund und Helfer.... Ergebnis: XX-Chromosomen und ja, den Rest kann sich dann jeder selber ausmalen. (Für mein persönliches Empfinden ist und bleibt es ein Unfall.) Tja, Shit happens und nun?

Erstmal auf die Welt kommen, vielleicht hatte Mutter Natur ja doch noch ein Einsehen mit mir. (Mama, warum hast Du mir denn kein mütterliches Testosteron geschickt? Ich hätte es so dringend gebraucht!) Aber pustekuchen. Madame Hebamme guckt zwischen meine Beine und ruft freudestrahlend: "Es ist ein Mädchen!" Wenn die wüßte, welch fatalen Fehler sie da gerade begangen hat. Scheinbar verwechselt sie gerade ihren Beruf mit der einer Hellseherin und ist der Meinung, in meinen Kopf reinschauen zu können. Naja, erstmal in den Brutkasten. Aus lauter Spermafrust habe ich es nicht mehr ausgehalten und habe mich bereits nach 8 Monaten auf den Weg gemacht. Ich war so neugierig und wollte unbedingt wissen, ob ich nicht vielleicht doch noch ein Zipfelchen abbekommen habe und somit von Anfang an richtig eingeschätzt und eingetragen werde. Die Hoffnung stirbt zuletzt. In der Dunkelheit des mütterlichen Bauches kann man ja nicht mal die eigene Hand vor Augen sehen. Mollige Wärme hin oder her. Sorry, ich fange an zu schwafeln, die Enttäuschung, nachdem das Licht mich beleuchten konnte, war sehr groß.

Aber das Leben geht weiter und irgendwie hat man doch noch ein Fünkchen Hoffnung. Ich werde älter, bin ein Kleinkind und der festen Überzeugung "das wächst noch". Ich mache mir keine Gedanken, für mich ist alles ok. Bin eben ein Spätzünder und es dauert nicht mehr lange, bis meine Eltern ihren und den Hebammenirrtum erkennen. Frohen Mutes stürze ich mich ins Getümmel und lebe noch ein mehr oder weniger unbeschwertes Leben (ich bin ein 2faches Pflegekind gewesen) als Kleinkind.

Mittlerweile bin ich im Kindergarten. Dank meines eher bübischen Aussehens, ich habe Kleider und Röcke permanent abgelehnt, meiner burschikosen Art sowie meiner flachen Brust, gehe ich oft als Junge durch. Auch beim schwimmen bin ich oben ohne und trage nur eine Badehose, alles ganz selbstverständlich. Ich bin immer noch überzeugt, daß das da unten bei mir noch nachwachsen werde. Vermeintliche Erkennungen, ich sei ein Mädel, überhöre ich großzügig. Zum Leidwesen meiner Pflegeeltern.

Ich werde älter, komme in die Schule. Nun versucht meine Pflegemutter, mich immer mehr in immer weiblicher wirkende Klamotten zu stecken. Nun, weil ich keinen Rock tragen muß, lasse ich diese "Kragenbetrügerchen", sowie die eine oder andere Bluse über mich ergehen, solange es nicht allzu weiblich aussieht. Ganz stolz bin ich auf die Hemdenbluse. Ein Bluse in Herrenstil, nur die Knöpfe sind auf der für mich empfundenen falschen Seite. Aber dank der Stoffleiste nimmt man das gar nicht so wirklich wahr. Noch immer habe ich Hoffnung, daß bei mir da unten was wächst.

Jede Nacht, wenn ich zu Bett gehe, bete ich zum lieben Gott (oder Göttin, egal, wie auch immer), er möge mich am nächsten Morgen als Junge aufwachen lassen. Wenn ich wieder wach werde ist meine allererste Amtshandlung ein beherzter Kontrollgriff in den Schritt. Wieder nichts. Meine Enttäuschung und mein Frust wächst, trotzdem bete ich weiter. Wie heißt es so schön: Was lange währt wird endlich gut. Um mich ein bißchen vom Frust abzulenken, stecke ich mir in ruhigen Minuten heimlich in meinem Zimmer einen kleinen Flummi in die Hose, manchmal ist es auch ein gelbes Döschen von diesem Ü-Ei. Damals hatten die noch keine scharfen Kanten und waren aalglatt. Ich hole mir einen kleinen Spiegel und betrachte mich. Ein wohliges Gefühl der Stimmigkeit überkommt mich. Ja, so muß es aussehen, so und nicht anders.

Wie ich mich getäuscht habe. Mittlerweile bin ich in der 7. Klasse und merke plötzlich beim Fußball spielen einen brennenden und stechenden Schmerz, wenn ich die Bälle halte. Mir war das so unangenehm, daß ich keinem was davon erzählt habe, zum Arzt zu gehen wäre mir zu peinlich gewesen. Und wie sollte es auch anders sein, meine Brüste fingen an zu wachsen. Ich habe lange genug versucht diese Schmerzen zu ignorieren. Ich wußte ja nicht, welche Ursache diese Schmerzen hatten, aber sie waren höllisch. Hätte ich eine leise Ahnung gehabt, wäre ich womöglich doch noch zum Arzt gegangen. Aber das ist jetzt alles nur noch hypothetisch.

Irgendwann bin ich aufgestanden, hab mich gewaschen und plötzlich realisierte ich zwei Wölbungen unter meinem Hals. In dem Moment brach für mich eine Welt zusammen, meine Welt. Wieso? Warum ich? Warum gerade bei mir? Ich bin doch ein Junge, da kann ich doch keine Brüste bekommen. Aber Pustekuchen. Die weibliche Pubertät hat mich unerwartet und vollkommen erwischt, ich fühle mich übermannt und überrumpelt. Ich wurde immer weiblicher in meinem Aussehen und die Erwartungen anderer an mich immer unerträglicher. Die monatlichen Blutungen lassen mich immer aufs neue sterben. Ich fühle mich allein, erniedrigt, nutzlos, als Mensch 2. Klasse. Ich beginne autoaggresiv zu werden, verletze mich selber, verletze diesen Körper, der mir so Unmengen an seelischem Schmerz zufügt. Ich kann es nicht ertragen, ich betäube den seelischen Schmerz indem ich körperlichen Schmerz hervorrufe und gleichzeitig damit meinen Körper bestrafe. Streit und Ärger mit meinen Pflegeeltern. Ich flüchte in eine Traumwelt, wo ich der sein kann, der ich bin. Ein heranwachsender junger Mann in Saft und Kraft.

Die Jungs beginnen sich für mich zu interessieren. Um nicht aufzufallen und um meine Gefühle umzuerziehen, gehe ich eine Beziehung ein (ich habe mir mehr oder weniger bewußt einen "weichen" Jungen ausgesucht, bei dem ich "der starke" sein konnte) und quäle mich nur noch mehr, ich vergewaltige meine Seele, auch wenn der Rest auf beiderseitigem Einverständnis basiert. Ich behalte alles für mich, vertraue mich niemandem an, ich fresse den Frust runter. Will unansehnlich werden, damit sich kein Junge mehr für mich interessiert. Der Sexualität mit einem Mann kann ich nichts abgewinnen, sie ekelt mich an. Und dennoch tue ich es immer wieder (Petting), denn auch ich habe Bedürfnisse, die gestillt werden wollen. Ich lebe nach dem Motto: Lieber schlechten Sex als gar keinen Sex. Für eine "Frau" habe ich eine sehr große Libido. Zeitweise sexuelle Erfüllung finde ich bei der Masturbation, wo ich mein eigentliches Ich leben kann und ausphantasieren kann. Ich stelle mir vor, als Mann mit einer Frau zu schlafen. Der Orgasmus kommt und geht wieder. Ich fühle bittere Leere und Einsamkeit.

Ich habe nicht mehr die Kraft, die Beziehung zu meinem Verlobten weiterzuführen, sogar für die Trennung fehlt mir die Kraft. Umso erleichterter bin ich, als mein Verlobter von selbst via Telefon die Beziehung beendet. Endlich frei, endlich kann ich wieder tun und lassen was ich will. Mittlerweile habe ich eine eigene Wohnung. Immer mehr kommt mir ins Bewußtsein, was schon lange unterbewußt vorhanden war: Da stimmt was nicht, die Leere in mir wird immer größer und irgendwann die Erkenntnis: Ich bin ein Mann im falschen Körper. Aber leider immer noch keine Erklärung. Ich bin unwissend, suche nach dem Mosaikstückchen, daß für mich alles erklärt, warum ich so bin wie ich bin. Die Unwissenheit macht mir zu schaffen. Doch da, ein Lichtblick. In der Fernsehzeitung steht, daß da ein Bericht kommt von einem Mann, der früher mal eine Frau war. Ich kaufe mir eine Videokassette nehme diesen Bericht auf.

Ich stitze staunend und wieder ungläubig da. Der spricht doch von mir. Der beschreibt genau das Gefühlschaos was ich im Moment durchlebe und durchleide. Ich bin also transsexuell. Ich fühle mich das erste Mal in meinem Leben verstanden, nicht mehr allein - es gibt noch andere, denen es genauso geht wie mir, ich bin erleichtert, endlich weiß ich, was mit mir los ist, kann mich orten. Ich bin 21 Jahre alt.

Es folgten Besuche bei SHG's, da aber der Prinz nicht immer genügend Kohle hatte, dachte er sich, muß die Prinzessin zum Prinzen kommen und gründete fortan, ohne Rücksicht auf eigene Verluste, eine eigene SHG im eigenen Ort. Ich hatte eh nichts mehr zu verlieren. Mein Ruf war ruiniert, also lebte ich ungeniert. Mit jedem Treffen gings es mir immer besser. Aus diesen Treffen schöpfte ich Kraft, um den ganz normalen alltäglichen Wahnsinn da draußen zu bestehen, mich nicht unterkriegen zu lassen. Ich bekam Informationen, was ich wann brauche, womit ich wie anfangen kann, wo ich weitere professionelle Hilfe bekommen kann, um meinen Weg zu gehen; ich band meine Brüste nun erfolgreich ab.

Die erste Hormonspritze, das erste Barthaar, die ersten Anzeichen des Stimmbruchs, das bessere kaschieren können meiner Brust, die ersten Anzeichen von Geheimratsecken, der verbesserte Muskeltonus und Muskelaufbau, das immer besser werdende Passing als Mann, auch am Telefon, die beginnende Fettumverteilung, die erste OP in der Busen und Uterus / Eierstöcke entfernt wurden, die ersten Flirts mit Heteras, die Vornamens- sowie Personenstandsänderung, all das sind Meilensteine, die mich mit Freude erfüllen und auf die ich stolz bin.

Der Weg war schwer, nicht leicht, mußte Diskriminierungen aushalten, mich körperlicher als auch sexueller Gewalt erwehren und trotzdem würde ich es sofort wieder tun, wenn ich wieder vor der Entscheidung stehen würde. Kein Skalpell ist zu scharf, keine Gewalt zu schlimm, kein Weg zu weit, um nicht den Weg zu seinem Glück anzutreten.

Ich bin meinen eigenen Jakobsweg gegangen, der Jakobsweg zu mir selber.

Nun stehe ich mit beiden Beinen im Leben, bin glücklicher denn je, habe meine Mitte und mein Gleichgewicht gefunden. Sicher möchte ich immer noch eine Freundin haben, mit der ich glücklich sein kann und auch eine gesunde Sexualität erleben kann, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Übrigens definiere ich meine körperliche Männlichkeit nicht mehr über den Schw***, wie ich es noch zu meiner Kindheit getan habe (aber es gab ja damals auch noch keine weiteren körperlichen Unterschiede außer dem Zipfel, ich hatte ja noch keinen Busen - kindliche Logik halt) Aber haben will ich immer noch einen. Ich strebe auch diese allerletzte OP an, sobald ich meine Umschulung beendet habe, denn ich möchte für mich selber einfach "vollständig" sein, mich vollständig fühlen.

Mittlerweile bin ich sogar stolz auf mein ganzes Leben, denn es macht mich zu dem Menschen, der ich heute bin. Wer ist schon so reflektiert in Sachen Geschlecht wie transsexuelle Menschen? Wohl kaum einer. Ich bin an meiner Not gewachsen und was mich nicht umbringt macht mich nur noch härter. Natürlich oute ich mich nicht mehr, wenn es nicht unbedingt notwendig ist oder zur besseren Klarheit dient (so wie hier), denn ich bin froh, mittlerweile unauffällig in der großen Masse der Männer unterzugehen. Im übrigen habe ich über meine Geschichte eine reißfeste und blickdichte Plane gezogen. Es geht einfach schlichtweg keinen was an.

Ich genieße jede Sekunde meines neu erworbenen Männerlebens, denn nichts auf dieser Welt ist selbstverständlich. Manchmal ärgere ich mich über Biomänner, die so ganz und gar kein Dank für ihr eigenes Leben zeigen, für die ist alles selbstverständlich. Gerade sie sollten dankbar dafür sein, daß sie eben nicht einen solchen Spießrutenlauf erleben mußten.

Ich habe mich gefunden und stehe offen zu mir und meinem Leben. Ich stehe auf heterosexuelle und bisexuelle Frauen und auf schwule und bisexuelle Männer. Kurz und gut, ein rundum zufriedener bisexueller Transmann. Wobei die Betonung auf Mann liegt und nicht auf trans*!

Ich fühle mich einfach nur rundum wohl in meiner Haut, denn ich habe nun endlich das gefunden, was ich früher nie hatte: Liebe und Glück!

Als Frau war ich unglücklich, als Mann bin ich endlich glücklich!


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