Brief an eine Mutter

Geschrieben von Biker am 19.08.04, 21:53 Uhr

Hi Mum.

Ich schreibe dir diesen Brief, weil ich dir das, was ich dir zu sagen habe, nicht ins Gesicht sagen kann. Und ich schreibe ihn nur an dich, weil ich glaube, dass Dad das noch weniger verstehen würde als du (aber ob du das verstehst, ist auch so ne Frage).
Ich bin transsexuell. Ich träume von nichts anderem als davon, ein Junge zu sein. Ich fühle mich in meinem "eigenen Körper" total unwohl, habe das Gefühl, darin zu ersticken und ich weiß, dass ich darin nicht leben kann. Das Ritzen ist/war ein Zeichen dafür, dass es mir so, wie es jetzt ist, nicht gut geht. Aber ich hoffe, dass du gesehen hast, dass ich mich schon länger nicht geritzt habe. Das liegt daran, dass ich jetzt einen Plan habe:
Ich will ein Junge werden. Ich will zu einer Selbsthilfegruppe für Transsexuelle und zu einem Therapeuten gehen. Ich will mich und mein Leben ändern. Doch dabei brauche ich Hilfe.
*** weiß es schon und sie hat versprochen, dass sie mir dabei hilft, so gut sie kann.
Doch auch von euch brauche ich Unterstützung. Ihr dürft mir diesen Plan nicht kaputt machen. Ich weiß, dass ich von euch nicht verlangen kann, dass ihr das versteht und akzeptiert. Ich bitte euch lediglich darum. Bitte lasst meinen Traum nicht zerplatzen! Helft mir, ihn zu verwirklichen. Lasst mich der sein, als den ich mich fühle.
Falls du dich jetzt fragst, was du und Dad falsch gemacht haben könntet, ob ihr mich falsch erzogen habt, kann ich dir sagen, dass es nicht an euch liegt.
Transsexualität ist keine "Krankheit", die durch falsche Erziehung erfolgt und sie ist auch keine Phase in der Pubertät. Sie ist schlicht und ergreifend das Gefühl, im falschen Körper zu sein. Die Ursachen dafür sind niemandem bekannt. Fakt ist: Es gibt sie. Man kann sie auch nicht durch Psychologen und Kliniken austreiben.
Deshalb bitte ich euch, dieses nicht zu versuchen. Es würde nichts bringen. Und ich bitte euch, das Thema auch nicht totzuschweigen.
Wir sollten darüber reden, so schwer es uns auch fällt. Für mich ist das ganze auch nicht leicht. Doch gemeinsam werden wir damit bestimmt fertig.
Wenn du es Dad erzählen willst, tu es. Ich kann es nicht. Väter sollen auf so was schlechter reagieren als Mütter. Heißt ja nicht, dass es bei ihm auch so ist.
Und wenn du/ihr erst mal ne Weile braucht, um damit klar zu kommen, sollt ihr die Zeit haben. Doch wie gesagt, schweigt es nicht tot, bitte!
Versucht euch daran zu gewöhnen. Denn ich lasse es mir von keinem ausreden. Das geht gar nicht!
Ich habe jetzt gesagt, was ich fühle und hoffe einfach, ihr versteht mich.
Ich liebe euch!

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